Bundeskanzler Merz, Vizekanzler Klingbeil und Ministerpräsident Kretschmann behaupten unisono: In Deutschland wird zu wenig gearbeitet. Die Zahlen, auf die sie sich stützen, erzählen jedoch eine andere Geschichte — oder besser: Sie werden so erzählt, dass sie eine bestimmte Geschichte ergeben.
„Insgesamt ist die Arbeitsleistung unserer Volkswirtschaft nicht hoch genug. Mit Work-Life-Balance und Viertagewoche lässt sich der Wohlstand unseres Landes, den wir heute haben, in Zukunft nicht erhalten — und deswegen müssen wir mehr arbeiten." So sprach Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) im Januar 2026 beim Neujahrsempfang der IHK Halle-Dessau. Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) sekundierte im März 2026 vor der Bertelsmann Stiftung: „Wir werden als Gesellschaft insgesamt mehr arbeiten müssen." Und der langjährige grüne Ministerpräsident Baden-Württembergs, Winfried Kretschmann, schloss sich bereits im Frühjahr 2025 an: „Wir müssen mehr arbeiten. Dass wir ausgerechnet in einer Krise weniger arbeiten wollen, ist völlig aus der Zeit gefallen."
Diese Aussagen sind kein Zufall. Sie bereiten den Boden für zwei konkrete politische Projekte:
Die Erzählung lautet: Die Deutschen faulenzen, und deshalb geht es der Wirtschaft schlecht. Wer diese Prämisse akzeptiert, akzeptiert auch die politischen Schlussfolgerungen. Doch die Prämisse ist falsch — und die verwendeten Statistiken sind methodisch so manipuliert, dass man ohne Übertreibung von einer Irreführung der Öffentlichkeit sprechen kann.
Ausgangspunkt der politischen Debatte war eine „IW-Nachricht" des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW Köln) vom Mai 2025. Unter der einprägsamen Überschrift „Griechen arbeiten 135 Stunden im Jahr mehr als Deutsche" behauptete der IW-Arbeitsmarktexperte Holger Schäfer, Deutschland liege im OECD-Vergleich auf dem drittletzten Platz.
Diese Zahl kursierte sofort durch alle Medien, wurde in den ARD-Tagesthemen als Aufmacher verbreitet und von Kanzler Merz als Beweis für seinen Befund zitiert.
Was steckt dahinter?
Die OECD erhebt Arbeitsstunden. Die Originaldatenquelle definiert: „Geleistete Arbeitsstunden je Erwerbstätigen" — also die Summe aller tatsächlich geleisteten Stunden geteilt durch die Zahl der Beschäftigten. Nach dieser Kennzahl liegt Deutschland 2023 bei 1.335 Stunden pro Erwerbstätigen.
Das IW hat stattdessen eine eigene Kennzahl berechnet: „Geleistete Arbeitsstunden je Einwohner im Erwerbsalter (15 bis 64 Jahre)" — also die gesamten Arbeitsstunden geteilt durch die gesamte Wohnbevölkerung zwischen 15 und 64, unabhängig davon, ob diese Menschen überhaupt erwerbstätig sind oder nicht. Nach dieser Kennzahl kommt Deutschland auf nur 1.036 Stunden — und landet auf dem drittletzten Platz.
Der Unterschied beider Kennzahlen: Fast 30 Prozent.
Diese methodische Verschiebung hat das RWI Essen im August 2025 als „Unstatistik des Monats" explizit aufgearbeitet und als irreführend eingestuft. Eine ausführliche Analyse der Kennzahlenverschiebung findet sich auch beim Blog „Aktuelle Sozialpolitik" von Prof. Stefan Sell (1.8.2025).
Die IW-Kennzahl misst nicht, wie viel die arbeitenden Menschen in Deutschland arbeiten. Sie misst, wie viel die gesamte erwerbsfähige Bevölkerung im Durchschnitt arbeitet — inklusive aller Menschen, die arbeitslos sind, sich in Ausbildung befinden, Kinder erziehen, Angehörige pflegen, oder aus anderen Gründen nicht erwerbstätig sind.
Das klingt nach einer sinnvollen Ergänzung. Aber es ist eine Falle: Diese Kennzahl hängt ganz entscheidend von der Erwerbstätigenquote und der Teilzeitquote eines Landes ab — und genau hier hat Deutschland strukturelle Besonderheiten, die nichts mit „Faulheit" zu tun haben.
Beispielrechnung zur Veranschaulichung:
Stellen wir uns zwei fiktive Länder vor — Land A (Deutschland-ähnlich) und Land B (Polen-ähnlich) — mit je 1.000 Einwohnern im Erwerbsalter:
| Land A | Land B | |
|---|---|---|
| Erwerbstätige | 770 (77 %) | 690 (69 %) |
| Davon in Teilzeit | 30 % → 231 Personen | 6 % → 41 Personen |
| Vollzeitstunden/Jahr | 1.600 h | 1.600 h |
| Teilzeitstunden/Jahr | 800 h | 800 h |
| Gesamtstunden | 539 × 1.600 + 231 × 800 = 1.047.200 h | 649 × 1.600 + 41 × 800 = 1.071.200 h |
| Stunden je Einwohner (IW-Methode) | 1.047 Stunden | 1.071 Stunden |
| Stunden je Erwerbstätigen (OECD-Methode) | 1.360 Stunden | 1.552 Stunden |
Das Ergebnis: Land A hat eine höhere Erwerbstätigenquote (77 % gegenüber 69 %), aber wegen seiner viel höheren Teilzeitquote (30 % gegenüber 6 %) landet es in der IW-Kennzahl knapp hinter Land B. Obwohl mehr Menschen in Land A erwerbstätig sind, arbeiten sie durchschnittlich weniger Stunden je Person — weil viele von ihnen in Teilzeit beschäftigt sind.
Genau das ist die Realität in Deutschland:
Die niedrigere Kennzahl bei „Stunden je Einwohner" ist also kein Ausdruck von Faulheit. Sie ist der direkte rechnerische Effekt der hohen Frauenerwerbsbeteiligung, kombiniert mit einer hohen Teilzeitquote.
Besonders aufschlussreich ist ein Detail, das in der öffentlichen Debatte vollständig ignoriert wurde: Die OECD selbst versieht ihre Arbeitszeitdaten mit einem ausdrücklichen Warnhinweis:
„The data are intended for comparisons of trends over time; they are unsuitable for comparisons of the level of average annual hours of work for a given year, because of differences in sources and methods of calculation."
Die Daten sind für Ländervergleiche auf Ebene absoluter Jahresarbeitsstunden ungeeignet — wegen unterschiedlicher Erhebungsmethoden. Die IW-Auswertung und in der Folge Kanzler Merz haben genau diesen Vergleich trotzdem als Beweis herangezogen.
Fast 49 Prozent der erwerbstätigen Frauen in Deutschland arbeiten in Teilzeit. Dieser Wert ist im internationalen Vergleich außerordentlich hoch.
Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) hat diese Situation selbst treffend beschrieben: Es gebe Frauen, „die unfreiwillig in der Teilzeitfalle sitzen". Sie wollten mehr arbeiten, könnten es aber nicht wegen fehlender Kinderbetreuung oder familienfeindlicher Arbeitsmodelle.
Die politische Reaktion darauf offenbart jedoch eine bemerkenswerte Doppelmoral:
Einerseits behaupten CDU/CSU seit Jahren (und haben dies auch im letzten Koalitionsvertrag verankert), das Ehegattensplitting sei ein schützenswertes Familienmodell. Dieses Steuersystem belohnt Paare, bei denen ein Partner — statistisch: die Frau — deutlich weniger oder gar nicht verdient. Es setzt damit einen steuerlichen Anreiz zur Teilzeitarbeit von Frauen.
Andererseits beklagen dieselben Politiker, dass zu viele Frauen in Teilzeit arbeiten und das Gesamtarbeitsvolumen damit gedrückt werde.
Das ist kein Widerspruch, den Politiker unbewusst begehen. Es ist eine politische Agenda: Die Teilzeitquote wird als Problem definiert — aber die strukturellen Ursachen (fehlendes Kitaangebot, steuerliche Fehlanreize, mangelnde Pflegeinfrastruktur) werden nicht als prioritär behandelt. Stattdessen wird der Druck auf die Beschäftigten erhöht.
Wer den Vergleich fair führen will, muss die Ebene der Vollzeitbeschäftigten betrachten. Hier ist das Bild ein anderes: Vollzeitbeschäftigte in Deutschland arbeiten im oberen europäischen Mittelfeld — nicht weniger als in den Vergleichsländern.
Hinzu kommt: Im Jahr 2023 wurden in Deutschland mehr als 775 Millionen unbezahlte Überstunden geleistet. Nicht entlohnte Mehrarbeit ist also Alltag für Millionen Beschäftigter.
Keine der politischen Aussagen berücksichtigt einen fundamentalen Sachverhalt: Frauen in Deutschland leisten im Durchschnitt 30 Stunden unbezahlter Care-Arbeit pro Woche — Kinderbetreuung, Pflege, Haushaltsführung. Diese Arbeit existiert nicht in den OECD-Statistiken. Sie ist gesellschaftlich notwendig, volkswirtschaftlich unverzichtbar — und statistisch unsichtbar.
Gerechnet in Gesamtarbeit (Erwerbs- plus Care-Arbeit) leisten Frauen durchschnittlich 45,5 Stunden pro Woche, Männer 44,3 Stunden. Frauen arbeiten also insgesamt mehr.
Wer fordert, dass Frauen ihre bezahlte Arbeitszeit ausweiten sollen, muss erklären, wer die Sorgearbeit übernimmt. Ohne Ausbau von Kita-Plätzen, Ganztagsschulen und Pflegeeinrichtungen bedeutet „mehr Erwerbsarbeit für Frauen" nur: mehr Arbeit insgesamt, bei gleichbleibendem Care-Anteil.
Ein Kernstück der politischen Erzählung ist die Kritik an der „Rente mit 63". Klingbeil sagte bei der Bertelsmann Stiftung: „Frühes Ausscheiden aus dem Job zu fördern, das geht nicht mehr." (Euronews, 25.3.2026) Merz hatte bereits im Wahlkampf ähnliche Signale gesetzt.
Was oft verschwiegen wird: Die „Rente mit 63" gilt nur für Menschen, die 45 Beitragsjahre vorweisen können — also für Personen, die oft schon mit 17 oder 18 Jahren zu arbeiten begonnen und ein Leben lang eingezahlt haben. Diese Menschen früher in Rente gehen zu lassen ist keine Fehlanreizsystem-Frage, sondern soziale Gerechtigkeit.
Die geplante Umstellung von täglicher auf wöchentliche Höchstarbeitszeit ist der zweite politische Hebel. Im Koalitionsvertrag wurde vereinbart, den Achtstundentag als tägliche Grenze durch eine wöchentliche Höchstarbeitszeit zu ersetzen.
Die Darstellung, dies diene der „Flexibilität", verdeckt einen wichtigen Punkt: Ohne tägliche Obergrenze sind im Extremfall Arbeitstage von über zwölf Stunden ohne weiteres möglich — bei sechs Arbeitstagen pro Woche theoretisch bis zu 73,5 Stunden wöchentlich.
Arbeitsmedizinische Forschung ist eindeutig: Sehr lange tägliche Arbeitszeiten erhöhen das Risiko für Burnout, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Arbeitsunfälle. Bereits 98 Prozent der Beschäftigten wünschen sich laut DGB-Index Gute Arbeit tägliche Erwerbsarbeitszeiten von unter zehn Stunden.
| Behauptung | Faktenlage |
|---|---|
| „Deutschland arbeitet am wenigsten" | Falsch als Absolutaussage. Vollzeitbeschäftigte arbeiten im europäischen Schnitt. Die niedrige Kennzahl „Stunden je Einwohner" ist Folge hoher Teilzeitquote. |
| „Wir arbeiten weniger als früher" | Teils. Die Pro-Kopf-Arbeitszeit sank seit den 1970ern. Das Gesamtarbeitsvolumen ist dagegen auf historischem Höchststand: über 61 Mrd. Stunden (2024). |
| „Andere Länder holen auf" | Stimmt für Stunden je Einwohner. Der Grund: Länder wie Griechenland und Spanien haben nach der Eurokrise Teilzeitquoten gesenkt — nicht länger je Person gearbeitet. |
| „Die hohe Teilzeitquote ist ein Problem" | Nur wenn man die Ursachen ignoriert. Sie ist Folge fehlender Kinderbetreuung, steuerlicher Fehlanreize (Ehegattensplitting) und mangelnder Pflegeinfrastruktur. |
| „Ländervergleiche belegen: Deutschland ist Schlusslicht" | Die OECD warnt ausdrücklich, dass ihre Daten für Niveauvergleiche zwischen Ländern ungeeignet sind. |
Die Debatte über Arbeitszeiten in Deutschland ist keine nüchterne Analyse eines gesellschaftlichen Problems. Sie ist eine politisch gesteuerte Kampagne, die aus mindestens drei Elementen besteht:
Erstens: Die Auswahl einer statistischen Kennzahl (Stunden je Einwohner im Erwerbsalter statt je Erwerbstätigen), die Deutschland systematisch schlechter aussehen lässt — entgegen ausdrücklicher Warnungen der OECD über die Vergleichbarkeit dieser Daten.
Zweitens: Die Verschleierung des Teilzeiteffekts. Viele Frauen arbeiten in Teilzeit, weil die strukturellen Voraussetzungen für Vollzeitarbeit fehlen. Daraus einen Beleg für allgemeine Arbeitsunwilligkeit zu konstruieren, ist sachlich falsch.
Drittens: Die rhetorische Verknüpfung beider Punkte mit konkreten politischen Zielen — Aufweichung des Arbeitszeitgesetzes und Erhöhung des Renteneintrittsalters —, die mit der angeblichen Datenlage begründet werden, aber davon statistisch nicht gestützt werden.
Merz weiß, was er tut, wenn er sagt: „Genetische Unterschiede gibt es nicht" — und dann die Schweiz als Vorbild nennt. Das ist eine moralische Beschuldigungsstrategie: Die Deutschen sind faul, und wer das bezweifelt, stellt sich gegen den Wohlstand des Landes. Diese Rhetorik immunisiert die Erzählung gegen Widerspruch.
Die Wahrheit ist unbequemer und komplizierter: Deutschland hat ein Produktivitätsproblem, ein Investitionsproblem und ein Infrastrukturproblem. Diese Probleme entstanden nicht, weil die Menschen zu wenig arbeiten. Sie entstanden, weil zu lange zu wenig in Bildung, Digitalisierung, Kinderbetreuung und öffentliche Infrastruktur investiert wurde. Längere Arbeitszeiten lösen keines davon.
Dieser Artikel wurde mit Hilfe von Claude AI erstellt. Wie üblich diskutiere ich gerne im Fediverse über den Beitrag.